Cinema Concetta Filmförderung

Doch nicht meine Tochter!

 

  • Eine orientalische Fiktion gewinnt bei den 26. Rüsselsheimer Filmtagen

  • Erneut großer Auftrieb zur Leistungsschau des Satirischen Kurzfilms

 

Rüsselsheim, 15. Juni 2019. Wie immer im Juni verwandelte sich am Freitag und Samstag Mitte Juni das Große Haus des Stadttheaters für die Gäste der Rüsselsheimer Filmtage zu einem der größten Kinos im Land. Die Bühne wurde wieder zur Leinwand für die bedeutendste deutsche Leistungsschau des satirischen Kurzfilms, weit über 1200 Besucher waren bei der Cinema Concetta Filmförderung und der mittlerweile 26. Auflage des Festivals zu Gast. Sie kürten bei der traditionellen Publikumswahl einen Film zum Gewinner, bei dem der schwarze Filzstift das wichtigste Requisit war - abgesehen von einem Stapel Magazine mit Damen auf dem Titel. Außerdem machten Beiträge aus dem In- und Ausland die diesjährigen Filmtage zu einem - wenn auch inoffiziellen - internationalen Einstieg in die Jubiläumssaison des Stadttheaters, das 2019 ein halbes Jahrhundert seines Bestehens vollendet.

 

Im Siegerfilm  „Handarbeit“ schwitzt Abu Tallal mit dem traditionellen, schnurgebundenen Baumwollschal als Kopfbedeckung vor einem dysfunktionalen Ventilator im Büro, wo er als Chef der Nationalen Zensurbehörde einen schwarzen Filzstift nach dem anderen zur Hand nimmt. Er deckt damit dort Haut ab, wo er bei allzu offenherzig abgebildeten Damen auf den Titelseiten unzähliger Zeitschriften zu viel davon sieht. Mit Stolz jedoch blickt er auf das Foto seiner Tochter, die - züchtig verhüllt - in London studiert. Sein fröhlicher Kollege Abu Abdallah erschrickt jedoch schier zu Tode, als er jene Tochter auf einem der Titelblätter erkennt. Fast wäre es ihm nicht gelungen, seinen Chef davon abzulenken. Was er nicht weiß: Der hat wiederum seine Tochter entdeckt, die in Deutschland studiert. Allah indessen lenkt das Geschick der Männer in dieser kritischen Situation so, dass keiner den eigenen Nachwuchs zu Gesicht bekommt.

 

Eine überglückliche Marie-Amélie Steul (Buch und Regie) nahm dafür die ein Auge und einen „Scharfen Blick“ symbolisierende massive Bronzeplastik aus den Händen von  Michael Kirchberger entgegen. Zu der auch als kleiner Oscar des Satirischen Kurzfilms apostrophierten Plastik überreichte der Vorsitzende der Stiftung das zugehörige Preisgeld von 5000 Euro.

 

Feiern zu Geburtstag und Weihnachten

 

Den mit 2000 Euro dotierten, von den Stadtwerken Rüsselsheim gesponserten 2. Platz erhielt der Film „Null Komma Sieben“ von Moritz Boll aus Kiel („Ich habe meinen Film zum ersten Mal auf der Riesenleinwand gesehen“) der auch als Dokumentarfilm aus dem nahen Rheingau denkbar gewesen wäre. Die Region ist bekannt wegen ihrer gelegentlichen Polizeikontrollen. Darin feiern zwei junge Mütter den Geburtstag der einen, Sekt fließt. Was die Frauen nicht wissen: Im Kinderzimmer probieren die zehnjährigen Söhne der beiden heimlich den Schnaps aus der gefundenen Flasche. Auf der Heimfahrt kommt es, wie es kommen muss: Kontrolle, 0,7 Promille. Die Mutter besteht gegenüber dem Beamten darauf, nichts getrunken zu haben. Zur Kontrolle pustet das Kind. Weil auch der Polizist keine Kenntnis von den Ereignissen im Kinderzimmer hat, traut er der Genauigkeit seines Messinstruments nicht mehr.

 

Der dritte Preis, ausgestattet mit 1000 Euro aus Mitteln des Cinema Concetta-Fördervereins für „Morgen kommt kein Weihnachtsmann“, geht an Anna Ludwig aus München, die – gottlob – noch an den Weihnachtsmann glaubt. Im Film der auch für ihre Kinderbücher bekannten Autorin suchen die beiden kleinen Söhne einer Alleinerziehenden verzweifelt nach einem Weihnachtsmann. Sie selber glauben längst nicht mehr an ihn. Doch ganz klar: Mama schon – sonst würde sie nicht heimlich weinen. Der Grund: Sie kann ihn dieses Jahr nicht bezahlen, weil sich der Vater der Buben finanziell davon geschlichen hat. Auch die Jungs haben nicht sofort Erfolg bei der Suche. Am Ende kommt es aber mit drei Weihnachtsmännern und einer Weihnachtsfrau mit tiefer Stimme und einem Festbraten zum Finale nach dem Muster „die schönsten Erlebnisse kann man nicht kaufen“.

 

35.000 Besucher sahen 470 Filme

 

Für das zunächst eintägige Festival reichten die 865 Plätze im Großen Haus des Stadttheaters bald nicht mehr aus. Seither gibt es zusätzlich am Freitag „Filme PUR“, während es samstags wieder „Filme PLUS“ hieß - mit Rahmenprogramm im Biergarten und Lounge-Musik von „Animals&Bricks“ und „Dynoville“. Und HR-Profi Philipp Engel („Engel fragt“) bat nach jedem Beitrag Filmemacherinnen und Filmemacher auf die Bühne, um ihnen Hintergründe oder Anekdoten zu ihren Arbeiten zu entlocken. Michael Kirchberger, Vorsitzender der Cinema Concetta Filmförderung, bedankte sich bei den Sponsoren und Förderern - darunter die Stadt Rüsselsheim, die Eigenbetriebe Kultur 123, Hessenfilm sowie Mobilitätspartner Autozentrum Goeres mit Hyundai und dem VIP-Fahrservice – sowie bei den 60 Helfern der Filmtage, die wie die Mitglieder der Stiftung und des Fördervereins ehrenamtlich arbeiten. Der Fahrservice bewegte sich in diesem Jahr erstmals emissionsfrei elektrisch mit Energie aus Brennstoffzellen.

 

Fast sechs Kilometer Brausestäbchen

 

Das Rüsselsheimer Festival ist heute Lebensfreude pur – garniert mit dem mild-süßen Weltschmerz der Satire und den darin nur unzureichend versteckten Wahrheiten. Fröhliches Naschen der Brausestäbchen ist seit jeher angesagt, gratis angeboten; Gesamtverbrauch über die Jahre bis heute gut sieben Zentner. Dennoch bleibt unvergessen, dass den Anstoß zu den Filmtagen ein trauriges Ereignis gab. Martin Kirchberger, Ralf Malwitz und Klaus Stieglitz fanden im Dezember 1991 mit 25 weiteren Mitgliedern ihres Cinema Concetta-Filmteams beim Absturz eines Flugzeugs den Tod. In der Kabine wurden gerade finale Szenen für die Satire „Bunkerlow“ gedreht. Die Cinema Concetta Filmförderung sollte die Erinnerung an die Künstler wachhalten, hat aber auch mit den Rüsselsheimer Filmtagen dem satirischen Kurzfilm neue Geltung und größere Reichweite verschafft.

 

Bis heute hat die Stiftung nahezu 200.000 Euro an Preisgeldern vergeben, und rund 35.000 Besucher haben etwa 470 Filme gesehen, darunter solche späterer Oscar- und Bundesfilmpreisträger. Namen wie Thomas Stellmacht, Florian Henkel von Donnersberg, Carsten Strauch oder Dietrich Brüggemann sind zu nennen (Kirchberger: „Fehlt fast nur noch die Goldene Palme von Cannes“). Auch die Verbreitung der Brausestäbchen wurde und wird gefördert. Eines ist nach Herstellerangaben genau 6,5 Zentimeter lang und wiegt vier Gramm. Bislang sind bei den Filmtagen sieben Zentner respektive 350 Kilogramm davon gelutscht worden, macht 87.500 Stäbchen und - längs aneinandergereiht - eine Strecke von knapp sechs Kilometern (568.750 Zentimeter).

Über die Rüsselsheimer Filmtage:

Die Cinema Concetta Filmförderung wurde am 30. September 1992 als Stiftung des bürgerlichen Rechts gegründet. Anlass war ein Flugzeugunglück vom 22. Dezember 1991 am Hohen Nistler bei Heidelberg, bei dem das Cinema Concetta Filmteam Martin Kirchberger, Ralf Malwitz, Klaus Stieglitz und weitere 25 Passagiere während der Dreharbeiten zu ihrem Film "Bunkerlow" ums Leben kamen. Um das Andenken an die Opfer zu wahren sowie ähnliche Filmarbeiten mit weitestgehend satirischem Inhalt zu fördern, riefen Freunde und Angehörige des Filmteams die Stiftung Cinema Concetta Filmförderung ins Leben. 1994 fanden erstmals die Rüsselsheimer Filmtage statt, die seitdem jährlich herausragende satirische Kurzfilme zeigen und prämieren. Weitere Infos auf  www.ruesselsheimer-filmtage.com

 

Pressekontakt:

Michael Kirchberger

m-kirchberger@gmx.de

 

Postanschrift:

Cinema-Concetta Filmförderung

Postfach 1211

65428 Rüsselsheim

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